Verwundbarkeit als Selbstbild
Theresa Schouwink hat mit Maria-Sibylla Lotter über Ihr Buch Opfer: Über Verwundbarkeit als Selbstbild (#ad) gesprochen. Maria-Sibylla Lotter beschreibt und kritisiert darin das neue Verständnis psychischer Verletzlichkeit und verbaler Gewalt.
Hier ein Auszug:
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich die Begriffe für Verletzbarkeit und Gewalt in den letzten Jahren stark ausgedehnt haben. Das betrifft auch den Begriff des Traumas. Wie hat sich dieser Begriff verändert?
Der Traumabegriff kam in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf, als man beobachtete, dass etwa nach Eisenbahnunglücken einige Betroffene Symptome aufwiesen wie Flashbacks und Schlaflosigkeit. Damals nannte man das „traumatische Neurose“ und entwickelte die Vorstellung, dass es bestimmte Persönlichkeiten gibt, die dafür anfällig sind. In den 1970er Jahren suchten Psychiater nach einer Möglichkeit, den psychisch und sozial belasteten Vietnam-Veteranen auf der Grundlage einer psychiatrischen Diagnose eine Anerkennung ihres Kriegsleids zu verschaffen. Um 1980 wurde die Kategorie der „posttraumatischen Belastungsstörung“ eingeführt. Sie war damals verbunden mit der Vorstellung, dass nahezu alle Menschen, die bestimmten schrecklichen Ereignissen ausgesetzt sind, danach Traumasymptome entwickeln. Man stellte jedoch in den Jahren darauf fest, und das bestätigt sich bis heute, dass auch nach sehr schweren Unglücken nur ein Teil der Menschen davon traumatisiert ist. Traumata haben offensichtlich etwas mit Dispositionen zu tun. Obgleich die Kategorie PTBS entsprechend revidiert wurde, setzte sich allgemein die Vorstellung durch, dass Menschen generell durch äußere Ereignisse so verletzt werden können, dass sie sich danach nicht aus eigener Kraft psychisch regenerieren können, sondern der Therapie bedürfen.
Welche Auswirkungen hatte die Einführung dieser Diagnose?
Daraus speist sich ein neues Verständnis von psychischer Verletzlichkeit. Ich nenne das die „Laientheorie des Traumas“, die seitdem unglaublich populär geworden ist. Sie kennen das aus dem Fernsehen, aus den Krimis. Es kommen heute ganz wenige Narrative ohne irgendeinen Trauma-Plot aus. Entsprechend hat sich auch der Fokus vom autonomen, selbstverantwortlichen Subjekt heute ein beträchtliches Stück verschoben zu einem verletzlichen Wesen, das des Schutzes durch andere bedarf. Auch der Gewaltbegriff hat sich mit dem Trauma-Begriff immer weiter ausgedehnt. Das führt zu einem anderen Verständnis der sozialen Welt. Wenn etwa Beleidigungen nicht nur als Beleidigungen, sondern als verbale Gewalt zählen, also mit physischer Gewalt gleichgesetzt werden, dann wirkt die soziale Welt viel gefährlicher.
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