Berlin und die Widersprüche der Identitätspolitik

Am 25. Juli fuhr der 21-jährige Abdul Ballout beim Berliner CSD mit einem Transporter in eine Menschenmenge und schlug anschließend mit einer Machete auf die Teilnehmer ein. Eine Frau wurde getötet, 29 Menschen wurden verletzt. Die deutschen Behörden bezeichneten den Vorfall als mutmaßlichen islamistischen Terroranschlag. Der in Berlin geborene Ballout wurde am folgenden Tag bei einer Konfrontation mit der Polizei erschossen (mehr zur Person siehe hier).

Interessanterweise gab es als Reaktion auf das Attentat keine großen Demonstrationen gegen den Islamismus, sondern mehrfache Versuche, das furchtbare Geschehen durch eine strukturalistische Linse zu lesen. Eine strukturalistische Deutung des Anschlags auf den CSD betrachtet die Tat nicht als isoliertes psychologisches Problem eines Einzeltäters, sondern als das Resultat übergeordneter gesellschaftlicher, struktureller und diskursiver Bedingungen. Auf einer Gedenkveranstaltung in Berlin zum Anschlag zeigte sich beispielsweise eine Rapperin enttäuscht über die Herkunft des Täters. „Das Erste, was ich gedacht habe, war, hoffentlich ist es kein Kanake, hoffentlich ist es eine christliche, weiße Person.“ Und fügt bedauernd hinzu: „Aber das war es nicht“ (vgl. dazu hier).

Carl Truemann, Autor des Buches Der Siegeszug des modernen Selbst (#ad), hat das Geschehen treffend kommentiert: Identitätspolitik ist ein Netz, das dazu dient, genau jene Schurken zu fangen, die man fangen möchte. Identitätspolitik verurteilt Gewalt nur dann, wenn die Täter einer vermeintlich privilegierten Gruppe angehören.

Zitat:

Die Reaktion auf den Anschlag ist das jüngste Beispiel dafür, wie die Identitätspolitik unter ihren eigenen Widersprüchen zu zerfallen beginnt. Denn statt Wut gab es besorgte Appelle, sich durch den Anschlag nicht „spalten zu lassen“, als ob die Spaltung in der Reaktion der Öffentlichkeit läge und nicht in den Motiven des Mörders. Identitätspolitik verurteilt Gewalt nur dann, wenn der Angreifer einer „privilegierten“ Gruppe angehört und das Opfer einer „geschützten“. Wenn sich diese Rollen umkehren, wie es in Berlin der Fall war, verstummt die Empörung. Diese Doppelmoral ist mittlerweile so offensichtlich, dass sie die Fähigkeit der Öffentlichkeit zerstört, eine ehrliche, ernsthafte Debatte über echte Probleme zu führen.

Ganz am Anfang meiner akademischen Laufbahn, in den frühen 1990er Jahren, bemerkte ein Kollege einmal, dass „die Methode das Netz ist, das dazu bestimmt ist, die Fische zu fangen, für deren Fang sie bestimmt ist“. Es war natürlich die Blütezeit der Postmoderne, und solche prophetischen Äußerungen gehörten zum Standardrepertoire derer, die um die Mitgliedschaft im akademischen Club warben. Dennoch steckt darin ein Körnchen Wahrheit, insbesondere wenn man es auf die Identitätspolitik anwendet, die praktische Ausprägung der Postmoderne im öffentlichen Leben. Identitätspolitik ist ein Netz, das dazu dient, genau jene Schurken zu fangen, für deren Fang es bestimmt ist. Mehr noch: Es dient auch dazu, jede Diskussion über deren Schurkerei zu delegitimieren, sofern sie nicht in den Begriffen geführt wird, die die Identitätspolitiker zulassen.

In den letzten Jahren wurden wir mit dem bizarren Phänomen konfrontiert, dass Mitglieder der LGBTQ-Bewegung Keffijehs trugen und Wahlkampf für die Hamas betrieben. In einer Welt, in der man, wenn man das Konzept der „Frau“ als biologisch bedingt betrachtet, mit Vergewaltigungsdrohungen und sogar dem Tod rechnen muss, erscheint es seltsam, dass Verfechter von LGBTQ-Rechten ihre Unterstützung für eine Organisation bekunden, in der homosexuelle Handlungen mit der Todesstrafe geahndet werden. Doch genau das ist der Geist der Verneinung, der unsere heutige Zeit prägt. Das ist es, was die ideologische Familie der kritischen Theorien tut: das Bestehende demontieren, ohne sich groß oder gar nicht darum zu kümmern, was an seine Stelle treten wird. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, selbst wenn die Zukunftsvision dieses Feindes darin besteht, mich zu Tode zu steinigen, anstatt sich lediglich zu weigern, meine bevorzugten Pronomen zu verwenden.

Mehr: firstthings.com.

Was Augustinus über Irrlehren dachte

Heindrikje Kuhs, die derzeit an einer Dissertation über Augustinus arbeitet, hat freundlicherweise das hier schon erwähnte Buch De haeresibus von Vanessa Bayha besprochen. Auf Anfrage des karthagischen Diakons Quodvultdeus verfasste Augustinus parallel zu seinen berühmten Retractationes in den Jahren vor seinem Tod einen sogenannten „Häretikerkatalog“, in dem er insgesamt 88 Gruppierungen unter dem Oberbegriff der Irrlehre klassifizierte und beschrieb.

Heindrikje Kuhs schreibt: 

So zeigt sich, dass für Augustinus Häresien ein breites Spektrum haben: Sie betreffen sowohl den dogmatischen als auch den ethischen Bereich. Hinsichtlich moralischen Fehlverhaltens benennt Augustinus unter anderem den Bereich der Ehe und Sexualität, Hochmut, Arbeitsscheu, Geldliebe und Heuchelei. Auch im Bereich der Lehre tauchen einige Themen immer wieder auf – eine systematische Zusammenfassung bietet aber weder Augustinus noch Bayhas Kommentar. Häresien betreffen die Schöpfungslehre und Kosmologie, astrologische Spekulationen, die Notwendigkeit der Gesetzesbefolgung, die Leugnung der Göttlichkeit von Jesu Christus, heterodoxe Trinitätsvorstellungen, die Leugnung der leiblichen Auferstehung, die Zurückweisung der materiellen Welt und eine damit einhergehende Ablehnung von Wein und Ehe bis hin zur radikalen Askese der Selbstkastration. Besonders das Thema Ehe ist für Augustinus bedeutsam, da er sich zur Abfassungszeit von haer. in einer Kontroverse mit Julian von Aeclanum befand, die sich immer wieder um diese Problematik drehte. Daher ergreift Augustinus die Gelegenheit, seine Position zu verdeutlichen und stellt klar, dass die Ehe ‚gut‘, die Enthaltsamkeit ‚besser‘ und das Problem nicht diese noch jene, sondern die Begierde ist.

Für heutige Leser skurril klingen einige Sakramentspraktiken: So habe die Gruppe der Ophiten die Schlange für Christus gehalten, verehrt und bei ihrem ‚Abendmahl‘ eine lebendige Schlange das Brot zur Konsekration anlecken lassen. Andere Häretiker feierten die Eucharistie mit Brot und Käse oder mit Wasser statt Wein. Darüber hinaus finden sich in Augustins Katalog Lehren, die einem heutigen Christen nie als Irrlehre in den Sinn kommen würden, wie die fehlende Unterscheidung zwischen Bischofs- und Priesteramt, exzessives Schweigen oder die Leugnung der dauerhaften Jungfräulichkeit Marias. Hier wird deutlich, dass ein Kompendium der Häresien stets ein zeitgebundenes Dokument ist. Augustinus kommt zuweilen zu einem anderen Schluss als seine Quellen, was als Häresie zu bewerten ist – ebenso verfahren moderne Leser mit seinem Text. Bis heute besteht die Tradition fort, Häresien zusammenzustellen, um Pastoren und Gemeindegliedern eine Handreichung zu bieten.

Mehr: www.evangelium21.net.

Die vergebliche Suche der Moderne nach einem guten Leben

Im vergangenen Jahr wurde ich im Rahmen des Projekts „Forming a Christian Mind“ von einer Gruppe Studenten der Universität Cambridge eingeladen, um mit ihnen einige drängende Fragen zu klären. Erstens: Was bedeutet es, ein „gutes Leben“ zu führen? Zweitens: Würden Christen in der heutigen westlichen Welt diese Frage anders beantworten als ihre säkularen Nachbarn? Zu diesem Thema gibt es kaum ein aufschlussreicheres Buch als Charles Taylors umfangreiches und brillantes Werk Quellen des Selbst.

James Eglinton schreibt dazu:

Es stellt sich natürlich die Frage, warum man zur Beantwortung der genannten Fragen ein so komplexes Buch über moderne Identitätsbildung zurateziehen sollte. Taylor argumentiert, dass wir das „gute Leben“ erst dann begreifen können, wenn wir verstanden haben, wie unsere Identität überhaupt entsteht. Worauf meine Identität gründet, bestimmt letztlich auch, ob ich mein Leben als „gut“ empfinde.

Das Buch Quellen des Selbst beginnt mit einer provokanten Behauptung. Im modernen Westen beschreiben wir unsere Kernidentitäten trotz aller Fokussierung auf unser komplexes Innenleben anhand erstaunlich einfacher Begriffe. Wir betrachten und präsentieren uns – und andere – auf eindimensionale Weise. Wenn wir fragen „Wer sind wir?“, reduzieren wir alles auf ein einziges Etikett und schreiben ihm eine tragende Rolle bei unserer Identitätsbildung zu. Für die einen ist dieses Etikett die Nationalität, für andere der Beruf, die Geschlechtsidentität, die sexuelle Orientierung, die soziale Klasse oder eine gesellschaftliche Rolle. In den sozialen Medien wird dieser Reduktionismus besonders deutlich: Wer sich auf einer Plattform wie X registriert, muss als Erstes in seiner Bio schreiben, wer er ist – und das in maximal 160 Zeichen.

Eine der Leitideen in Quellen des Selbst ist jedoch, dass unsere Identität weitaus komplexer ist, als unsere reduktionistischen Tendenzen vermuten lassen. Die menschliche Identität ist alles andere als geradlinig. Um dies zu verdeutlichen, knüpft Taylor Verbindungen über weite Zeiträume hinweg – von Homer bis Platon, von Augustinus bis Calvin, von Descartes über Herder bis Kant und schließlich bis zu uns. Auf diese Weise entwirft er ein Bild der modernen westlichen Identität. Wenn man für diese generische westliche Person eine X-Bio schreiben müsste, würde sie in etwa so lauten: #UniverselleGerechtigkeit #GutesTunInDerWelt #Gleichheit #Freiheit #LeidenVermeidenWollen.

Diese Werte sind insofern typisch westlich, als dass sie nicht von allen Kulturen zu allen Zeiten geteilt wurden. Die alten Spartaner sahen im Leiden etwas Charakterbildendes und im Schmerz ein nützliches Werkzeug. Die konfuzianische Kultur bejaht Hierarchien – statt Gleichheit – als natürlich und notwendig. In ihrer vorchristlichen Vergangenheit war der nordischen Kultur ein würdevoller Tod wichtiger als ein moralisches Leben. Und die heidnische römische Kultur betrachtete eine Sklavenklasse als notwendig, um das Aufblühen ihrer freien Bürger überhaupt erst zu ermöglichen.

Im Gegensatz dazu empfindet die moderne westliche Identität die Werte dieser alten Kulturen als völlig fremd und rückschrittlich. Allerdings ist unsere eigene Identität laut Taylor keineswegs einheitlich. Vielmehr unterscheidet sich die Art und Weise, wie wir unsere Intuitionen in Bezug auf Gerechtigkeit, Gleichheit, Nächstenliebe, Freiheit und Leiden begründen, von Mensch zu Mensch drastisch. Das liegt daran, dass wir keinen homogenen moralischen Orientierungsrahmen mehr teilen.

Wie also würden zwei Menschen, die in der westlichen Kultur aufgewachsen sind – der eine christlich, der andere säkular –, die Frage „Was ist ein ‚gutes Leben‘?“ beantworten? Quellen des Selbst kommt zu einer beachtlichen Erkenntnis: In beiden Fällen, so Taylor, sei das Konzept eines „guten Lebens“ von den Vorstellungen von Rechtfertigung und Heiligung bestimmt. Ich möchte mich im Folgenden darauf konzentrieren, wie genau diese Konzepte Christen eine einzigartige Perspektive auf die moderne Identitätsbildung eröffnen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Ezra-Workshop 2026

 

 

In der Zeit vom 2. bis 3. Oktober findet wieder ein Ezra-Workshop in Unna statt. Thematisch geht es diesmal um die Psalmen, Hauptredner ist Pastor Rudi Tissen. Interessenten finden alle notwendigen Informationen auf folgender Website: ezraworkshop.de.

„Sexuellen Bildung“

In einem IDEA-Beitrag zeichnet der Publizist Martin Voigt nach, wie die Ideen Helmut Kentlers (siehe hier) noch heute die Sexualerziehung in den Bildungseinrichtungen prägen. 

Entscheidend für die Überführung von Kentlers Ansatz in die Schulen und Kitas war sein Meisterschüler, der Pädagoge Uwe Sielert. Er gründete 1988 das Institut für Sexualpädagogik (isp) und brachte Kentlers emanzipatorische Sexualpädagogik unter dem neuen Begriff „sexuelle Bildung“ in den Bildungsbetrieb ein. Über seinen Einfluss auf die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und mittelbar auch auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO), über Fortbildungen für zahlreiche Pädagogen und den Aufbau eines weit verzweigten sexualpädagogischen Netzwerks schuf Sielert nach und nach ein ganzes sexualpädagogisches Universum im Sinne Kentlers.

Nachdem die pädokriminelle Vergangenheit Kentlers publik wurde, distanzierte sich Sielert von Kentler. An der inhaltlichen Ausrichtung der Kentler-Sielert-Schule hat sich jedoch nichts geändert. Die Sexualpädagogik der „Falken“ entspricht dieser Kentler-Sielert-Schule. Sie steht ideologisch in einer Reihe mit der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ (BELTZ), jenem von Elisabeth Tuider, Stefan Timmermanns, Mario Müller, Carola Koppermann und Petra Bruns-Bachmann erstellten Praxisbuch der „sexuellen Bildung“, das ab 2014 für bundesweite Aufregung sorgte.

So empfiehlt etwa eine Sexualpädagogik-Broschüre der „Falken“ eine Grabbelsack-Übung, bei der Achtjährige Sex-Spielzeug, „Lecktücher“, Kondome, Gleitgel, Holzpenisse und Vibratoren herausziehen und dazu etwas sagen sollen. Weitere Spiele wie „Sex-Salat“ oder „Schwul-Lesbisches Bingo“ zielen ebenso auf die Sexualisierung der Kinder.

Mehr: www.idea.de.

Odyssee

Christopher Nolan hat einen neuen Film mit einer Lauflänge von knapp drei Stunden produziert. In „Odyssee“ setzt er Homers großes Epos mit neuester Filmtechnik in Szene. Er verbindet einen antiken Stoff mit seiner typischen Vorliebe für formale Strenge, Zeitebenen, Spektakel und technische Innovation.

Marcus Stiglegger schreibt in seiner epd-Besprechung:

Dass ein Studio wie Universal einem Filmemacher Hunderte Millionen Dollar anvertraut, um ein altgriechisches Epos auf 70-mm-Film zu realisieren, wirkt beinahe anachronistisch (MGM hatte mit „CLEOPATRA“ auf diese Weise um 1960 das klassische Studiosystem zerstört). Vielleicht ist gerade das die kulturhistorische Pointe: In einer Zeit serieller Erzähluniversen kehrt das Kino zu einer der ältesten Geschichten überhaupt zurück und erschafft daraus – ähnlich wie Robert Eggers in „THE NORTHMAN“ (2022) – ein eigenständiges Universum. Es wird sich zeigen, wie effektiv dieser Schritt ist.

In jedem Fall ist es Christopher Nolan nachdrücklich gelungen, eine unserer Gegenwart angemessene Version des Odysseus-Mythos zu präsentieren. Sein Film zeigt eine Welt des umfassenden Krieges. Die Schuld der Menschen ist es, die etablierten Gesetze der Gastfreundschaft zu missachten, aus Gier das Schicksal herauszufordern und die Götter zu demütigen. Diese Welt ist aus der Balance geraten, und es bleibt den Schuldigen selbst überlassen, sie zu korrigieren. Odysseus und Penelope fahren am Ende nach Westen, um die Toten zu ehren. So wurde es im Hades von ihm gefordert. Und vielleicht „kehrt eines Tages“, so Penelope, „die Zivilisation zurück“.

Spannend sind auch die Beobachtungen von Paul Marchbanks: www.christianitytoday.com.

Menschenfischen & Schafeweiden

 

 

Vor rund 25 Jahren hatte ich das Vergnügen, Wolf Christian-Jaeschke bei der Veröffentlichung des wunderbaren Buches Adolph Zahn: Von Gottes Gnade und des Menschen Elend (#ad, 2. Aufl., 2005) zu unterstützen.

Dr. Bernhard Kaiser schrieb damals über das Werk:

Lange muß man suchen, bis man in der Theologenwelt des neunzehnten Jahrhunderts mit ihrem Fortschrittsoptimismus und ihren Illusionen vom Menschen einen Mann des biblischen Realismus findet. Wolf-Christian Jaeschke, der Leiter der Navigatoren-Arbeit in Deutschland, ist fündig geworden und hat uns Adolph Zahn vorgestellt. Dafür ein herzliches Dankeschön vorab. Biblischer Realismus ist das Markenzeichen der Theologie, die in diesem Buch präsentiert wird. Adolph Zahn (1834-1900) war Pfarrer in Halle, Wuppertal und Stuttgart, ein Kämpfer für die Wahrheit und Irrtumslosigkeit der Schrift und gegen die Bibelkritik, ein Vetter von Theodor Zahn und Adolf Schlatter. Er lebte und wirkte in einer Zeit, in der der Heils- und Heiligungsoptimismus und die Illusionen vom neuen, wiedergeborenen Menschen der frommen und ansonsten bibelgläubigen Welt in den Kopf stiegen. Realismus dagegen heißt, daß Zahn in großer Klarheit vom vollbrachten, stellvertretenden Heil in Christus sprach, jener geistlichen Realität, die für uns nicht sichtbar ist, aber die doch so wirklich und wahr ist, wie Christus gestorben, auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist.

Von Gottes Gnade und des Menschen Elend steht immer noch in meiner Handbibliothek, sodass ich bei Bedarf schnell darauf zurückgreifen kann. Die Anhänge zu lutherisch-reformierten Lehrdifferenzen, zur Heiligen Schrift oder zur Eschatologie sind ungemein hilfreich.

In den zurückliegenden Monaten, also 25 Jahre später, durfte ich Wolf Christian Jaeschke erneut bei der Herausgabe eines Buches unterstützen. Vor wenigen Tagen ist Menschenfischen und Schafeweiden: Die doppelte Berufung der Jesus-Nachfolger (#ad, 1. Aufl., 2026) erschienen.

Das Buch beschreibt die Ausbreitung des Evangeliums. Es bietet einen einprägsamen Gesamtüberblick über die beiden zentralen Handlungsfelder, die Jesus in seiner bildhaften Sprache als „Menschenfischen” und „Schafeweiden” bezeichnete. Beim ersten geht es darum, dass Menschen den Glauben für sich entdecken, beim zweiten darum, dass sie in diesem Glauben gestärkt und vertieft werden.

Theologische Fragen, die sich bei der Ausbreitung des Evangeliums stellen, aber oft ausgeblendet bleiben, werden in verständlicher Weise erläutert. So entsteht eine „Theologie für unterwegs“. Sie soll all jenen dienen, die mit anderen im Gespräch über den Glauben stehen oder diese im Glauben begleiten.

Die Praxis dieses Unterwegsseins wird in ihrem weit gefächerten Spektrum dargestellt. Wer mehr über Evangelisation und Nacharbeit, Apologetik und Zweierschaft, Tutoring und Mentoring und vieles andere mehr wissen möchte, findet hier reichlich Material.

Der Autor stützt sich dabei auf seine langjährige Erfahrung im „Menschenfischen und Schafeweiden“ sowie auf eine Fülle von Literatur zum Thema. Wer dieses Buch liest, lernt durch Überblicke und Originalzitate zahlreiche weitere Publikationen kennen.

In drei Anhängen wird zudem betrachtet, was C. S. Lewis, Francis Schaeffer und der Chinamissionar John Nevius zur Glaubensvermittlung und -vertiefung zu sagen hatten.

Meiner Meinung nach ist es ein wichtiges Buch, das zur richtigen Zeit erschienen ist. Es erinnert uns an unseren Auftrag, das Evangelium mutig zu bezeugen; und es zeigt uns, wie wir unseren Glauben im öffentlichen Raum und in der persönlichen Begegnung vertiefen können. Gerade Themen wie Mentoring oder Tutoring bleiben in christlichen Kreisen oft theologisch unterbelichtet. Dabei geht es nämlich nicht nur um neutrale, offene Entwicklungsprozesse, Begleitung und Stärkung, sondern auch um eine am Evangelium orientierte „Unterweisung“.

Fehlt diese Vertiefung, bleiben wir geistlich unmündig und laufen Gefahr, vom Wind falscher Lehren mitgerissen zu werden. Paulus schrieb an die Epheser: „Wir sollen keine unmündigen Kinder mehr sein; wir dürfen uns nicht mehr durch jede beliebige Lehre vom Kurs abbringen lassen wie ein Schiff, das von Wind und Wellen hin und her geworfen wird“ (Eph 4,14 NGÜ). „Stattdessen sollen wir in einem Geist der Liebe an der Wahrheit festhalten, damit wir im Glauben wachsen und in jeder Hinsicht mehr und mehr dem ähnlich werden, der das Haupt ist, Christus“ (Eph 4,15 NGÜ).

Das Buch vermittelt keine neuen Programme, sondern macht Mut, Verantwortung zu übernehmen und eine Kultur des Jüngermachens und Jüngerstärkens zu fördern.

Bei Verlag gibt’s mehr Informationen; außerdem kann dort das Buch auch bestellt werden: verbum-medien.de.

Lutz E. von Padberg (1950–2026)

Der gläubige Historiker Lutz E. von Padberg ist am 16. Juli 2026 nach schwerer Krankheit heimgegangen. Die FTH schreibt:

Wir verlieren mit ihm einen angesehenen Kollegen und Freund, der 27 Jahre (von 1986 bis 2013) an der FTH als Professor für Historische Theologie tätig war. Prof. v. Padberg vermittelte vielen Studenten die Liebe zur Kirchen- und Geistesgeschichte. Der promovierte und habilitierte Mediävist verzichtete Mitte der 1980er Jahre bewusst auf eine Universitätskarriere, um sich ganz in die Ausbildung junger Menschen für den geistlichen Dienst zu investieren.

Lutz v. Padberg war ein profunder Kenner des Mittelalters, mit dem Schwerpunkt auf der Christianisierung Mittel- und Nordeuropas. Seine Forschungen über Bonifatius sind bis heute wegweisend. Darüber hinaus half er bei der Weiterentwicklung der FTH hin zur Hochschulanerkennung. Über Jahrzehnte war er zudem Gastprofessor an der Ev. Theologischen Fakultät in Leuven/Belgien sowie Privatdozent an der Universität Paderborn. Sein Publikationsverzeichnis umfasst über 400 Titel.

In den 27 Jahren seiner Lehrtätigkeit an der FTH prägte er nicht nur durch seine akademische Gründlichkeit, sondern auch durch seinen ruhigen, tiefen Glauben. Sein Lebensmotto „Damit wir etwas seien zum Lobe Seiner Herrlichkeit“ (Eph 1,12) spiegelte sich in seinem ganzen Leben wider. Die Ehre Gottes war ihm das Wichtigste. Durch viele schwere Krankheitsnöte hindurch blieb er seinem Schöpfer und Erlöser eng verbunden, der ihn nie im Stich gelassen hat.

Ein Leben für Gott, zu seiner Ehre, ist zu Ende gegangen. Lutz v. Padberg hinterlässt seine Frau Claudia, die 53 Jahre eng an seiner Seite stand, in guten wie in schweren Tagen. Wir wissen ihn bei dem, der das Leben und die Auferstehung ist, dem Christus.

Anfang der 80er-Jahre fand ich zum christlichen Glauben und schloss mich dem Jugendbund für entschiedenes Christentum (EC) in Düsseldorf an. Da Lutz von Padberg damals für den EC aktiv war, insbesondere in Münster, durfte ich ihn auf mehreren Veranstaltungen kennenlernen. Er hat mich sehr ermutigt, den Glauben und den Verstand gleichermaßen ernst zu nehmen. Aus meiner Sicht war er ein großer christlicher Historiker und Kirchengeschichtler. Historisch Interessierten empfehle ich sein Buch Die Christianisierung Europas im Mittelalter, apologetisch Interessierten: Von Kreuzzügen, Inquisition und gerechten Kriegen (#ad).

Darf man öffentlich noch „Trans-Identitäten“ hinterfragen?

Eine Professorin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf möchte Trans-Identitäten in einer Vorlesung kritisch hinterfragen. Studentenverbände rufen zu einer Demonstration auf und fordern den Rauswurf der Professorin. Es ist nicht mehr zu übersehen: Aktivisten beschränken die Forschungs- und Meinungsfreiheit zunehmend.

DIE WELT berichtet: 

Ein wissenschaftlicher Vortrag sorgt einmal mehr für eine Kontroverse an einer deutschen Universität. Die Professorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU), die sich kritisch mit „Trans-Identitäten“ auseinandersetzen will, ist ins Visier linker Studentenverbände geraten. Die Aktivisten fordern nicht weniger als den Rauswurf der Professorin und ein Campusverbot.

Die Professorin im Bereich Entwicklungspsychologie lehrt seit 2007 an der HHU. Zuvor forschte und unterrichtete sie fast zwei Jahrzehnte an renommierten US-Hochschulen. Es geht um einen Vortrag unter dem Titel „Entwicklung von Trans-Identität“.

„Die Psychologie-Professorin plant am Dienstag im Rahmen ihrer Veranstaltung Entwicklungspsychologie darüber zu sprechen, warum die Existenz von Trans*Identitäten wissenschaftlich nicht haltbar sei und die Verbreitung von ‚Trans-Ideologie‘ Kinder und Jugendliche gefährden würde“, heißt es in einem Demo-Aufruf, den unter anderem der sozialistisch-demokratische Studiverband Düsseldorf, die örtliche Juso-Hochschulgruppe und der Ring Christlich-Demokratischer Studenten verbreiten. „Diese Aussagen sind nicht nur menschenfeindlich, sondern auch wissenschaftlich falsch.“ Die Veranstaltung habe „somit nichts an einer Universität zu suchen“.

Mehr: www.welt.de.

VD: TJ

Ich taufe im Namen der „Heiligen Geistkraft“

Die Evangelische Kirche in Rheinland hat kein Problem damit, Menschen im Namen der „Heiligen Geistkraft“ zu taufen. SELK-Bischof Hans-Jörg Voigt widerspricht völlig zurecht: 

Die Frage nach der Gültigkeit von Taufen taucht in Gemeinden der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) gelegentlich bei Übertritten aus anderen Gemeinden oder Kirchen auf. Ich erinnere mich an eine Taufe, die in einer freikirchlichen Gemeinde „auf den Namen Jesus“ vollzogen worden war und nicht unter Verwendung der trinitarischen Formel, die im Taufbefehl Jesu (Matthäus 28,19) genannt wird: „Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…“ In diesem Fall wurde die Taufe nachgehend gültig durch den SELK-Pfarrer vollzogen. Es hat in einer älteren Generation in der Zeit der „Deutschen Christen“ Taufen gegeben, die, statt mit Wasser, mit Blumen vollzogen wurden. Auch in diesem Fall wurde die Taufe nachgehend gültig vollzogen. Die lutherische Kirche spricht in solchen Fällen sehr bewusst nicht von einer „Wiederholung der Taufe“, da die Taufe unwiederholbar ist. Eine Taufe, in der bei der Taufformel anstelle des Heiligen Geistes eine „Heilige Geistkraft“ benannt wurde, muss nachgehend gültig vollzogen werden, damit die betreffende Person kraft ihrer Taufe ihrer Seligkeit absolut gewiss sein kann. Paulus schreibt, dass Gott uns selig machte „durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist“ (Titus 3,5).

Die Rede von einer „Heiligen Geistkraft“ ist gegen das Bekenntnis der Kirche. Im Athanasianischen Glaubensbekenntnis, einem der ältesten christlichen Bekenntnisse, heißt es: „Eine andere Person ist der Vater, eine andere der Sohn, eine andere der Heilige Geist.“ Auf das Personsein der Dreifaltigkeit wird besonderer Wert gelegt. Der Heilige Geist hat Kraft, aber er ist nicht als „Kraft“ anzureden. 

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.idea.de.

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