Berlin und die Widersprüche der Identitätspolitik
Am 25. Juli fuhr der 21-jährige Abdul Ballout beim Berliner CSD mit einem Transporter in eine Menschenmenge und schlug anschließend mit einer Machete auf die Teilnehmer ein. Eine Frau wurde getötet, 29 Menschen wurden verletzt. Die deutschen Behörden bezeichneten den Vorfall als mutmaßlichen islamistischen Terroranschlag. Der in Berlin geborene Ballout wurde am folgenden Tag bei einer Konfrontation mit der Polizei erschossen (mehr zur Person siehe hier).
Interessanterweise gab es als Reaktion auf das Attentat keine großen Demonstrationen gegen den Islamismus, sondern mehrfache Versuche, das furchtbare Geschehen durch eine strukturalistische Linse zu lesen. Eine strukturalistische Deutung des Anschlags auf den CSD betrachtet die Tat nicht als isoliertes psychologisches Problem eines Einzeltäters, sondern als das Resultat übergeordneter gesellschaftlicher, struktureller und diskursiver Bedingungen. Auf einer Gedenkveranstaltung in Berlin zum Anschlag zeigte sich beispielsweise eine Rapperin enttäuscht über die Herkunft des Täters. „Das Erste, was ich gedacht habe, war, hoffentlich ist es kein Kanake, hoffentlich ist es eine christliche, weiße Person.“ Und fügt bedauernd hinzu: „Aber das war es nicht“ (vgl. dazu hier).
Carl Truemann, Autor des Buches Der Siegeszug des modernen Selbst (#ad), hat das Geschehen treffend kommentiert: Identitätspolitik ist ein Netz, das dazu dient, genau jene Schurken zu fangen, die man fangen möchte. Identitätspolitik verurteilt Gewalt nur dann, wenn die Täter einer vermeintlich privilegierten Gruppe angehören.
Zitat:
Die Reaktion auf den Anschlag ist das jüngste Beispiel dafür, wie die Identitätspolitik unter ihren eigenen Widersprüchen zu zerfallen beginnt. Denn statt Wut gab es besorgte Appelle, sich durch den Anschlag nicht „spalten zu lassen“, als ob die Spaltung in der Reaktion der Öffentlichkeit läge und nicht in den Motiven des Mörders. Identitätspolitik verurteilt Gewalt nur dann, wenn der Angreifer einer „privilegierten“ Gruppe angehört und das Opfer einer „geschützten“. Wenn sich diese Rollen umkehren, wie es in Berlin der Fall war, verstummt die Empörung. Diese Doppelmoral ist mittlerweile so offensichtlich, dass sie die Fähigkeit der Öffentlichkeit zerstört, eine ehrliche, ernsthafte Debatte über echte Probleme zu führen.
Ganz am Anfang meiner akademischen Laufbahn, in den frühen 1990er Jahren, bemerkte ein Kollege einmal, dass „die Methode das Netz ist, das dazu bestimmt ist, die Fische zu fangen, für deren Fang sie bestimmt ist“. Es war natürlich die Blütezeit der Postmoderne, und solche prophetischen Äußerungen gehörten zum Standardrepertoire derer, die um die Mitgliedschaft im akademischen Club warben. Dennoch steckt darin ein Körnchen Wahrheit, insbesondere wenn man es auf die Identitätspolitik anwendet, die praktische Ausprägung der Postmoderne im öffentlichen Leben. Identitätspolitik ist ein Netz, das dazu dient, genau jene Schurken zu fangen, für deren Fang es bestimmt ist. Mehr noch: Es dient auch dazu, jede Diskussion über deren Schurkerei zu delegitimieren, sofern sie nicht in den Begriffen geführt wird, die die Identitätspolitiker zulassen.
In den letzten Jahren wurden wir mit dem bizarren Phänomen konfrontiert, dass Mitglieder der LGBTQ-Bewegung Keffijehs trugen und Wahlkampf für die Hamas betrieben. In einer Welt, in der man, wenn man das Konzept der „Frau“ als biologisch bedingt betrachtet, mit Vergewaltigungsdrohungen und sogar dem Tod rechnen muss, erscheint es seltsam, dass Verfechter von LGBTQ-Rechten ihre Unterstützung für eine Organisation bekunden, in der homosexuelle Handlungen mit der Todesstrafe geahndet werden. Doch genau das ist der Geist der Verneinung, der unsere heutige Zeit prägt. Das ist es, was die ideologische Familie der kritischen Theorien tut: das Bestehende demontieren, ohne sich groß oder gar nicht darum zu kümmern, was an seine Stelle treten wird. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, selbst wenn die Zukunftsvision dieses Feindes darin besteht, mich zu Tode zu steinigen, anstatt sich lediglich zu weigern, meine bevorzugten Pronomen zu verwenden.
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